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Das Buch zur Selbsthilfe - Inhalt und Leseproben
Vorwot

VORWORT von Prof. Dr. Arne May

Prof. Dr. med. Arne May, Leiter der Kopfschmerzambulanz und des Gesichtsschmerzzentrums am UKE Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf Vier Jahre Arbeit - nicht weniger stecken in diesem Buchprojekt. Wer so lange und so genau an einem Buch zur Selbsthilfe arbeitet - trotz Pandemie und aller Herausforderungen, die das Leben sonst noch mit sich brachte - dem muss es am Herzen liegen. Und wie sehr freue ich mich, dass es fertiggestellt wurde! Wie dringend so ein umfassender Ratgeber nötig war, kann ich nicht genug betonen. Die Autorinnen haben all ihr Wissen und ihre persönlichen Erfahrungen aus dem Kopfschmerzbereich und den Kopfschmerzpatientenratgebern hier auf eine Patientengruppe ausgeweitet, die heute - wenn ich das so sagen darf - noch einsamer dasteht als Migränepatienten. Während es für Kopfschmerzen und vor allem Migräne inzwischen sehr gute Überlegungen zu den pathophysiologischen Hintergründen gibt und auch eine sehr gezielte und spezifische Therapie zur Verfügung steht, ist dies für Patient:innen mit idiopathischen Gesichtsschmerzen nicht der Fall. Idiopathisch bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man auch mit den modernsten Untersuchungsmethoden keine Ursache für die Schmerzen finden kann. Sowohl bei Kopfschmerz- als auch bei Gesichtsschmerzpatient:innen wird, wenn etwas Idiopathisches angenommen wird, schnell die Psyche als Ursache bemüht. Bei Gesichtsschmerzpatient:innen wird dann zusätzlich ein Zahnproblem vermutet und leider sehr häufig der angeschuldigte, aber gesunde, Zahn gezogen. Die Schmerzen aber bleiben, denn die Zähne sind nicht die Ursache, und so dreht sich der Teufelskreis um eine Windung weiter. Irgendwann wird der Nachbarzahn beschuldigt und vielleicht auch gezogen. Der Schmerz bleibt jedoch, denn bei idiopathischen Gesichtsschmerzen sind es ja gerade nicht die Zähne oder der Kauapparat, die verantwortlich sind. Wie entkommt man diesem Teufelskreis? Wie erkenne ich, ob die Zähne das Problem sind, und wenn sie es nicht sind, welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Genau hier liegt der Schwerpunkt dieses Ratgebers. Es ist den Autorinnen hoch anzurechnen, dass in diesem Buch die Ursachen, Diagnosen und Therapien genau und leicht verständlich beschrieben werden. Dem Dschungel der Internetanbieter und -bewerber, in dem es fast unmöglich ist, Fakten von Halbwissen oder, schlimmer, geldgetriebenen „Informationen“ zu trennen, wird hier ein gut recherchiertes und mit Fakten untermauertes Wissen entgegengesetzt, das durch persönliche Erfahrungsberichte, in denen sich viele Betroffene wiederfinden dürften, abgerundet wird. Aus meiner Erfahrung in der Kopfschmerzwelt habe ich in den letzten 30 Jahren gelernt, wie wichtig Selbsthilfegruppen und gut geschriebene und recherchierte Patientenratgeber sind. Ich hoffe inständig, dass dieses Buch die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient, und dass auch Studenten der Zahnmedizin es lesen - denn noch immer wird dieses wichtige Kapitel nicht ausreichend vermittelt. Und schließlich hoffe ich, dass immer mehr Patient:innen mit Gesichtsschmerzen erkennen, dass eine positive Entwicklung absolut möglich ist, wenn die Diagnose frühzeitig und richtig gestellt wird, und den Rat von Seite 182 beherzigen: Niemals aufgeben und auf sich selbst hören! Hamburg, Juli 2025

Teil 1 – INFORMATIONSTEIL


Nach einer kurzen Einführung in das Thema Schmerz stellen wir zunächst die häufigsten Kopf- und Gesichtsschmerzerkrankungen vor, wobei wir auf neuropathische und idiopathische Gesichtsschmerzen einen besonderen Schwerpunkt legen. Prof. Dr. Arne May, Neurologe und Neurowissenschaftler am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), beantwortet in seinem Gastbeitrag ausführlich Fragen zu Behandlungsmöglichkeiten und zum aktuellen Stand der Forschung.

akute Schmerzen - chronische Schmerzen - nozizeptive Schmerzen - neuropathische Schmerzen - Phantomschmerzen - psychogener Schmerz - Psychosomatik - Herausforderungen bei der Diagnose von Schmerzerkrankungen - Schmerzen messen und dokumentieren- Kopfschmerz vom Spannungstyp - Migräne - Clusterkopfschmerzen - Gesichtsneuralgien - Neuropathischer Gesichtsschmerz - Atypischer Gesichtsschmerz / Persistierender Idiopathischer Gesichtsschmerz - Differentialdiagnosen - Gesichtsschmerzzentrum des UKE  - Interview mit Prof. Dr. Arne May - die wichtigsten Fragen zum Gesichtsschmerz im Schnelldurchlauf

 

Teil 1 Leseprobe Atypischer / Persistierender Idiopathischer Gesichtsschmerz Der Begriff „atypischer Gesichtsschmerz“ wurde in den 1920er-Jahren eingeführt, um den bekannten (typischen) Gesichtsschmerz, die Trigeminusneuralgie, von anderen unklaren Gesichtsschmerzen abzugrenzen. Viele Betroffene verwenden diesen Ausdruck bis heute. In der Fachwelt hat man sich inzwischen auf den Begriff „persistierender idiopathischer Gesichtsschmerz“ geeinigt; persistierend = andauernd, idiopathisch = ohne bekannte Ursache („PIFP“ = Persistent Idiopathic Facial Pain). Die Schmerzen im Bereich des Gesichts, der Mundhöhle und der Zähne sind überwiegend ständig vorhanden und örtlich schlecht eingrenzbar. Häufig treten sie auch über der Oberlippe und im Gaumenareal auf. Der Schmerz kann sich kribbelnd, ziehend, bohrend und brennend anfühlen und in seiner Intensität zwischen leicht, mittelstark und stark variieren. Manchmal berichten Patienten von einem Schwellungs- oder Taubheitsgefühl. Tagsüber sind die Schmerzen meist durchgehend vorhanden, während sie nachts weniger stark ausgeprägt sind, sodass die Betroffenen nur selten davon aufwachen. Der Schmerz spricht weder auf Schmerzmittel noch auf Nervenblockaden an und lässt sich auch durch Operationen nicht positiv beeinflussen. Im Gegenteil, von invasiven chirurgischen Eingriffen und nicht zwingend erforderlichen Zahn- und Kieferbehandlungen muss dringend abgeraten werden. Es sind keine Gefühlsstörungen - wie etwa ein Taubheitsgefühl, eine Überempfindlichkeit oder eine herabgesetzte Empfindlichkeit bei Berührung - nachweisbar und es bestehen auch keine anderen strukturellen Läsionen oder Symptome. Sämtliche bildgebende Verfahren sind ohne Befund und es liegt erwiesenermaßen keine andere Grunderkrankung vor. Die Diagnose atypischer Gesichtsschmerz wird also gestellt, wenn die Diagnosekriterien zutreffen und alle andren Krankheitsbilder, die ähnliche Beschwerden verursachen, ausgeschlossen werden. Somit handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose. Die Atypischen Odontalgie („PIDAP“ = persistent idiopathic Dentoalveolar Pain) ist eine Unterform des PIFP, bei der die Symptome lokal auf einen oder zwei Zähne begrenzt bleiben. Anders als beim PIFP ist der Schmerz gut lokalisierbar und geht häufig mit einer Sensibilitätsstörung (z.B. gesteigerte oder verminderte Empfindlichkeit) einher. Da die Beschwerdebilder des persistierenden idiopathischen Gesichtsschmerzes (PIFP) und des neuropathischen Gesichtsschmerzes sehr ähnlich sind und die Symptome sich auch überschneiden können, ist eine eindeutige Diagnosestellung nicht immer einfach. Es gibt aber bestimmte Kriterien, die herangezogen werden, um festzustellen, um welche Art von Gesichtsschmerz es sich handelt. In beiden Fällen kann Stress die Schmerzen verstärken. Einige Patienten berichten, dass Wettereinflüsse schmerzverstärkend wirken.

Informationsteil
Multimodale

Teil 2 – MULTIMODALE SCHMERZTHERAPIE - der interdisziplinäre Behandlungsansatz

 

Für Menschen mit chronischen Schmerzen ist eine rein medikamentöse Behandlung oft nicht ausreichend. Eine multimodale Schmerztherapie, bei der die Behandlungstechniken aus mehreren Fachbereichen ineinandergreifen, bewährt sich in diesem Fall am besten. Wir möchten praxisnah vermitteln, welche Möglichkeiten der multimodale Behandlungsansatz bietet.

Ein Blick zurück zu den Anfängen - Schmerzspirale - bio-psycho-soziales Schmerzmodell - Ablauf eines stationären Aufenthaltes - medikamentöse Behandlung - Exkurs: medizinisches Cannabis - Akupunktur - Neuraltherapie - Bewegungstherapie - Massagen - Thermotherapie - Reizstromtherapie/TENS - Psychoedukation - kognitive Verhaltenstherapie - Biofeedback - Entspannungstraining - Meditation - Yoga - Hypnose - Musiktherapie - Kunsttherapie - Genusstherapie - Ernährung und Schmerztherapie - Nahrungsergänzungsmittel

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Teil 2 Leseprobe Den Schmerz in die Zange nehmen Die multimodale Schmerztherapie wird heute als moderner Behandlungsansatz angesehen, doch die Grundidee ist alles andere als neu. Bereits während des Zweiten Weltkrieges konnten wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, die später zur Entwicklung des multimodalen Behandlungsansatzes von Bedeutung waren. Der amerikanische Arzt Henry Beechers beobachtete, dass schwerverletzte Soldaten oft weniger Morphium benötigten als Zivilisten mit ähnlichen gravierenden Verletzungen. Dies wurde damit erklärt, dass die Soldaten eine gewisse Erleichterung empfanden, da sie zwar verwundet waren, aber nicht mehr unmittelbar durch den Krieg in Lebensgefahr schwebten. Im Gegensatz dazu bedeutete für die Zivilisten die Verletzung erst den Beginn ihres Leidensweges. Offenbar stand die Schwere der Verwundung nicht in direktem Zusammenhang mit der Intensität des empfundenen Schmerzes. Außerdem berichteten einige Soldaten von einer Schmerzlinderung, nachdem ihnen aufgrund eines Mangels an Morphium ohne ihr Wissen lediglich eine Kochsalzlösung verabreicht worden war. Diese therapeutische Wirkung nach einer Scheinbehandlung wird als Placeboeffekt bezeichnet. Der amerikanische Arzt John Bonica gilt als Begründer der fachübergreifenden Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen. Im Jahr 1947 rief er die erste interdisziplinäre Schmerzklinik in den USA ins Leben, in der Kriegsverletzte in Zusammenarbeit von Anästhesisten, Orthopäden, Neurochirurgen, Psychologen und Physiotherapeuten behandelt wurden. Die Forschung in Richtung multimodale Schmerztherapie nahm ab nun an Fahrt auf. Verschiedene Schmerztheorien wurden entwickelt und wissenschaftlich untermauert. Neben den physischen Aspekten der Schmerzwahrnehmung gewannen auch die psychologischen Faktoren an Bedeutung. Die „Gate-Control-Theory“ von Melzack und Wall aus 1965 fasste erstmals die bei der Entstehung, Wahrnehmung und Hemmung von Schmerzen mitbeteiligten Faktoren zusammen. Dieses neue Modell half dabei, beispielsweise den Placeboeffekt und andere bekannte Phänomene, wie das herabgesetzte Schmerzempfinden von Fakiren und die Wirkung von Hypnose, zu erklären. Bonica war einer der ersten, der erkannte, wie wichtig eine interdisziplinäre Herangehensweise an die Erforschung und Behandlung von Schmerzen ist. Im Jahr 1973 gründete er die „Internationale Vereinigung zum Studium des Schmerzes“ (International Association for the Study of Pain - IASP). Heute ist das vom amerikanischen Psychiater George L. Engel entwickelte „bio-psycho-soziale“ Schmerzmodell weitgehend anerkannt. Es besagt, dass Gedanken, Gefühle und soziale Komponenten das Schmerzempfinden ebenso beeinflussen wie rein körperliche Faktoren. Schmerz wird demnach zuerst körperlich wahrgenommen („bio“), erhält dann einen Stellenwert („psycho“) und wirkt sich schließlich auf unser Verhalten aus („sozial“). Dieser Ansatz widersprach der bisher vorherrschenden medizinischen Auffassung, dass Krankheiten ausschließlich physisch zu behandeln seien. Unter „interdisziplinärer multimodaler Schmerztherapie“ versteht man die gleichzeitige und fein aufeinander abgestimmte Behandlung chronischer Schmerzen durch verschiedene Verfahren aus den Bereichen Medizin, Physiotherapie und Psychologie/Psychotherapie sowie anderen Disziplinen, die das gemeinsame Ziel verfolgen, Schmerzen zu reduzieren. Die Schmerzspirale gemeinsam durchbrechen Interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie ist besonders für chronische Schmerzpatienten zu empfehlen, die bereits zahlreiche Therapien ausprobiert haben, jedoch keine nennenswerte Besserung erreichen konnten. Wir kennen das selbst nur zu gut: ein zermürbenden Ärztemarathon bei dem viel Zeit, Geld und Hoffnung in Behandlungen investiert wurde, die im Endeffekt nur wenig oder gar nichts zur Linderung der Schmerzen beigetragen haben. Oft geraten Patienten dadurch in eine Abwärtsspirale, ziehen sich immer mehr aus dem Alltagsleben zurück oder entwickeln möglicherweise sogar eine Depression oder Angststörung. Heute ist allgemein anerkannt, dass Körper und Geist eng miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. Und genau hier setzt die multimodale Schmerztherapie mit ihrem ganzheitlichen Zugang an. Ein Team aus Schmerztherapeuten, Psychosomatikern, Psychologen und Therapeuten aus verschiedenen Bereichen der physikalischen Therapie (wie Physiotherapie, Ergotherapie, Sporttherapie, Massagen, Elektrotherapie und mehr) arbeitet gemeinsam daran, die Patienten dabei zu unterstützen, aus dem Schmerzkreislauf auszubrechen. Für den langfristigen Therapieerfolg ist es entscheidend, dass die Betroffenen aktiv mitarbeiten und bereit sind, die erlernten Strategien auch im Alltag anzuwenden.

Teil 3 – GESICHTSSCHMERZEN UND ZAHNMEDIZIN

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In diesem Kapitel wird die Rolle der Zahnmedizin insbesondere in Bezug auf den idiopathischen Gesichtsschmerz beleuchtet und erklärt, warum es notwendig ist, dass das Wissen um Gesichtsschmerzerkrankungen in Zukunft Teil der zahnärztlichen Ausbildung wird.

Teufelskreis aus Eingriffen und Schmerzen - die korrekte Diagnose - Flussdiagramm zur diagnostischen Anamnese - internationale Klassifikation von Gesichtsschmerzen 2020 - S1 Leitlinie der deutschen Gesellschaft für Neurologie - behandeln oder besser nicht - Vertrauen und Information als Voraussetzung für den Behandlungserfolg -  Unterscheidung Schmerz vom Zahn oder vom Nerv - wichtige Begriffe rund um die Zähne - Schadenersatz und Schmerzensgeld - miteinander reden - woran erkennt man einen guten Zahnarzt - Möglichkeiten und Grenzen der ganzheitlichen Zahnmedizin  - Funktionelle Myodiagnostik - Stille Entzündungen im Kieferknochen (NICO) - INTERVIEW mit Dr. med. univ. Thomas Merhaut

Teil 3 Leseprobe Schmerz vom Zahn oder vom Nerv Viele Patienten mit unklaren Zahnschmerzen können sich einfach nicht vorstellen, dass ihre Schmerzen nicht durch Behandlung oder Entfernung des betroffenen Zahnes beseitigt werden können. Selbst wenn mehrere Zahnärzte bestätigt haben, dass keine dentale Ursache vorliegt, zweifeln Betroffene immer wieder daran. Was, wenn die Ärzte irren und der Schlüssel zur Schmerzfreiheit doch in einer Zahnbehandlung liegt? Nur eine gewissenhafte zahnärztliche Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Anamnese führt zu einer sicheren Diagnose. Ist ein defekter Zahn die Ursache für die Schmerzen, sind diese häufig so stark, dass sie das Einschlafen erschweren oder die Patienten sogar davon aufwachen. Im fortgeschrittenen Stadium einer Entzündung ist eine Schwellung im Bereich der Wurzelspitze tastbar und in vielen Fällen auch eine Rötung sichtbar. Im Gegensatz dazu beeinträchtigen Schmerzen, die vom Nerv herrühren, den Nachtschlaf kaum und es sind keine sichtbaren oder tastbaren Anzeichen im Mund auszumachen. Nur an vorbehandelten Stellen, etwa dort wo eine Extraktion oder Wurzelspitzenresektion vorgenommen wurde, kann die Schleimhaut schmerzempfindlich sein. Bei gewöhnlichen Zahnschmerzen nimmt der Schmerz eher einen Wellenverlauf und extreme Schmerzspitzen sind möglich. Schmerzen, die vom Nerv ausgehen, sind typischerweise dauerhaft vorhanden und nehmen gegen den Abend hin zu. Es ist wichtig zu wissen, dass Schmerzhaftigkeit alleine nicht genügt, um mit Sicherheit auf eine dentale Ursache der Schmerzen zu schließen. Ebenso wenig ist ein Röntgenbild alleine für eine verlässliche Diagnose ausreichend, da beispielsweise bei frischen Kunststoff-Füllungen eine Zahnnervenentzündung nicht immer eindeutig erkennbar ist. Ebenso liefert die Reaktion des schmerzenden Zahnes auf Kälte keinen sicheren Hinweis, denn auch ein Zahn, der auf Kälte nicht reagiert, kann völlig in Ordnung sein. Der Klopftest mit einem Metallinstrument ist bei einem kaputten Zahn schmerzhaft und der Klang eher dumpf. Bei einem gesunden Zahn tritt kein Sofortschmerz durch Klopfen auf und der Klang ist heller. Das Beißen auf einen entzündeten Zahn ist sehr schmerzhaft, wohingegen das Kauen bei Zahnschmerzen, die vom Nerv ausgehen, den Schmerz für kurze Zeit sogar verringern kann. Einen weiteren wichtigen Hinweis auf die Schmerzursache liefert die Wirksamkeit von Medikamenten. Bei dental begründeten Schmerzen wirken herkömmliche Schmerzmittel wie Ibuprofen und Novalgin. Bei Nervenschmerzen sind diese auch in hohen Dosen wirkungslos, wohingegen die richtige Kombination aus trizyklischen Antidepressiva und Antiepileptika bei vielen Patienten eine deutliche Reduzierung des Schmerzes bewirkt. Neben den genannten Tests und Diagnoseverfahren spricht das Vorliegen folgender Umstände für eine Ursache, die beim Nerv liegt: -Eine Betäubung des Zahnes gelingt nicht vollständig. -Ablenkung verringert das Schmerzempfinden. -Vorangegangene Zahnbehandlungen sind ungünstig verlaufen bzw. waren schon mehrere Behandler tätig. -Zusätzliche neurologische Symptome, wie ein Taubheitsgefühl in bestimmten Bereichen, Missempfindungen an der Schleimhaut, Zungenbrennen oder Lidzucken, können auftreten. -Eine familiäre Veranlagung zu Migräne oder Neuralgien ist vorhanden. -Frauen haben ein höheres Risiko an chronischen Gesichtsschmerzen zu erkranken.

Zahnmdizin

Teil 4 – LEBEN MIT SCHMERZEN - UMGANG MIT DER KRANKHEIT UND STRATEGIEN ZUR      SCHMERZBEWÄLTIGUNG

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Wir möchten Schmerzpatienten vermitteln, dass sie mit ihren gesundheitlichen Herausforderungen nicht alleine sind und wie hilfreich eine gute Vernetzung mit anderen Betroffenen und Kompetenzzentren sein kann. Es werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie man trotz einer chronischen Schmerzerkrankung ein erfülltes Leben führen kann, wobei ein Schwerpunkt auf die Bedeutung von eigenverantwortlichem Handeln und die Hilfe zur Selbsthilfe gelegt wird. Darüber hinaus sollen Freunde und Angehörige für die schwierige Situation der Betroffenen sensibilisiert werden.

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Wir behandeln folgende Themenkreise:

Depressionen und Angststörungen / Soziale Isolation und Vereinsamung / Die Rolle der Angehörigen - Begleitung im Hintergrund / Chronische Schmerzkrankheit und Familienplanung / Schmerzkrankheit und Spiritualität / Resilienz / Vernetzung mit anderen Betroffenen / Krisenintervention / Grad der Behinderung und Erwerbsminderungsrente / Im undurchsichtigen Dickicht der Behandlungsangebote

 

Depressionen und Angststörungen 

Symptome und Auslöser einer Depression - generalisierte Angststörung - Panikstörung - Der Einfluss der Hormone - der achtsame Umgang mit Medikamenten - Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung - Depressionen wieder los werden - sich aktiv aus der Depression befreien

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Leben mit Schmerzen

Teil 4 Leseprobe Ein Leben mit chronischen Schmerzen trifft die meisten Menschen völlig unvorbereitet. Es ist schwer zu begreifen, dass der Schmerz sich verselbständigt hat und sich eine eigenständige Krankheit daraus entwickelt haben soll. Man will einfach nicht wahrhaben, dass es keine schnelle, effiziente Lösung gibt, die das Problem in Kürze behebt. Die meisten sträuben sich mit Händen und Füßen gegen die Vorstellung, dass sie auf unbestimmte Zeit mit einer Schmerzerkrankung leben müssen, insbesondere dann, wenn die statistische Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Heilung nicht sehr hoch ist. Diese innere Auflehnung ist zunächst einmal eine ganz natürliche Abwehrreaktion, denn niemand möchte sich auch nur annähernd ausmalen, was dies für die weitere Zukunftsplanung bedeuten könnte und wie sich die Krankheit auf die Lebensqualität auswirken wird. Die Dauerpräsenz von Schmerzen ist sehr aufreibend. Sie kann sowohl physisch als auch psychisch zermürben und an die Substanz gehen. Bei einer chronischen Erkrankung leidet immer auch die seelische Gesundheit! Depressive Verstimmungen oder depressive Episoden sind daher oftmals eine unmittelbare Folge einer chronischen Schmerzerkrankung. Soweit uns bekannt ist, gibt es derzeit keine aussagekräftigen Datenerhebungen, wie häufig und in welchem Ausmaß Depressionen und Angststörungen bei einer chronischen Schmerzerkrankung als Begleiterkrankung auftreten. Vor dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrungen und gemäß unseren Beobachtungen, Recherchen und Einschätzungen, sind wir überzeugt davon, dass auch der überwiegende Teil der Gesichtsschmerzpatienten psychische Begleitsymptome kennt und der persönliche Leidensdruck sehr viel stärker sein dürfte als klinisch erfasst. Unmittelbar nach der Diagnosestellung oder zu einem späteren Zeitpunkt, an dem phasenweise eine Verschlechterung eintritt, kann die Gewissheit, unter einer chronischen Schmerzerkrankung zu leiden, starke, manchmal ausufernde Ängste schüren, die sich bis zu Panikattacken oder suizidalen Gedanken steigern können. Wenn die Schmerzen im Vordergrund stehen und uns im Alltag sehr behindern, ist das nur schwer zu ertragen. Es braucht Zeit, Kraft, Geduld, Zuversicht und Unterstützung, eine derart beeinträchtigende Krankheit als Teil von sich zu akzeptieren, mit dem man sich bis auf weiteres abfinden und arrangieren muss. Je nachdem, in welcher körperlichen und seelischen Verfassung Betroffene gerade sind, wird es Zeiten geben, in denen das mal mehr oder weniger gut gelingt. Verständlicherweise trauern viele ihrem früheren Leben nach und befürchten zeitweilig, dass sie ihre Schmerzen womöglich nie wieder loswerden. Tatsächlich kann niemand vorhersehen, wie lange sie anhalten werden. Das macht Angst! Nicht immer treten Depressionen oder Angststörungen nach Ausbruch einer Schmerzerkrankung auf. Einige Betroffene berichten, dass sie, bereits etliche Jahre zuvor - zum Teil seit ihrer Jugend - mit dementsprechenden Problemen zu kämpfen hatten. Symptome einer Depression Typische Symptome einer Depression sind eine auffällige und anhaltende Antriebsschwäche, Konzentrationsstörungen, zwanghaftes Grübeln, starke Erschöpfung und Müdigkeit sowie ein allgemeines Desinteresse. Es können langanhaltende Episoden von gedrückter Stimmung, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit entstehen...

Soziale Isolation und Vereinsamung

Bedeutung sozialer Kontakte für die Gesundheit - Abgrenzung - Selbstwertgefühl - Scham und Schuldgefühle - gefangen in den eigenen vier Wänden - sozialer Isolation vorbeugen und Einsamkeit abbauen - Eigeninitiative entwickeln und Unterstützung annehmen

Die Rolle der Angehörigen – die bedeutsame Begleitung im Hintergrund

sich in andere hineinversetzen - die neun Grundprobleme von Betroffenen - Wissen über die Erkrankung - gelungene Kommunikation - eigene Grenzen und Bedürfnisse - praktische Hilfe im Alltag - Arbeitsplatz, häusliche Situation und Freizeitgestaltung 

Chronische Schmerzkrankheit und Familienplanung

Leben mit oder ohne eigene Kinder - manchmal kommt es anders als gedacht - Gründe, sich für Kinder zu entscheiden - Schmerzkrankheit und Elternschaft - hilfreiche Fragen zur Entscheidungsfindung - Kinder als Kraftquelle - ein erfülltes Leben ohne Kinder - Interview mit Carolin 

Schmerzkrankheit und Spiritualität

Bewusstsein schärfen - Bedeutung von Spiritualität - Spiritualität und Religion - Selbstheilungskräfte - der innere Kontakt zu sich selbst - mentaler Rückzugsraum

Resilienz

Begriff - Bedeutung für chronisch schmerzkranke Menschen - die sieben Säulen der Resilienz - persönliche Stärken und Chancen erkennen und nutzen - die Zügel selbst in die Hand nehmen

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Vernetzung mit anderen Betroffenen

Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen - verschiedene Gruppenangebote - virtuelle Selbsthilfegruppen -Selbsthilfeorganisationen - ein Blick auf die Geschichte - konkrete Anlaufstellen - Ziele einer gesundheitlichen Selbsthilfegruppe - Grundregeln und Prinzipien für den Erfolg - Geben und Nehmen auf Augenhöhe - die Leitung einer Selbsthilfegruppe - die SHG zum atypischen Gesichtsschmerz von Marion - von der Gruppenaktivität zum Buchprojekt - Aufruf an Betroffene

Krisenintervention

Psychische Folgen einer Schmerzerkrankung - Alarmsignale - Komorbidität - der Verzweiflung wirksam entgegensteuern - Hilfe in der Krise - ein Appell an Betroffene und Angehörige

Grad der Behinderung (GdB) und Erwerbsminderungsrente

Fakten im Überblick - Grad der Behinderung - Erwerbsminderungsrente

Im undurchsichtigen Dickicht der Behandlungsangebote

Abseits der evidenzbasierten Medizin - Alternativmedizin - Komplementärmedizin - seriöse Behandlungsangebote erkennen - Vorsicht Scharlatane - auf sich selbst hören

Teil 5 - ERFAHRUNGSBERICHTE VON BETROFFENEN

Marion Gesichtsschmerz - Marion Migräne - Gerlinde - Carolin - Anette - Vanessa -...

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Teil 5 Leseprobe Migräne – Warnsignale - ganzheitliche Zahnmedizin - kieferchirurgischer Eingriff - atypischer Gesichtsschmerz – Mundbrennen – Ärztemarathon - Selbsthilfe - Buchprojekt Mein Name ist Gerlinde, ich bin Jahrgang 1970 und lebe mit meiner Familie in Österreich, in der Nähe von Wien. Seit einem kieferchirurgischen Eingriff im Februar 2017 habe ich dauerhaft Schmerzen an den Zähnen und im Mund. Im Frühling 2020 lernte ich Marion Deike kennen und Ende desselben Jahres beschlossen wir, dieses Buchprojekt gemeinsam zu verwirklichen. In meinem persönlichen Bericht erzähle ich zunächst von meiner langen „Zahnhistorie“, die schon in der Kindheit ihren Anfang genommen hat, und der Verkettung von ungünstigen Umständen und Entscheidungen, die letztlich dazu führte, dass ich chronische Gesichtsschmerzen entwickelt habe. Danach berichte ich von meiner Suche nach Hilfe beziehungsweise einer wirkungsvollen Behandlung. Abschließend möchte ich teilen, was ich aus meiner Erfahrung gelernt habe.

Erfahrunsbrichte
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